Auszug aus dem heutigen Beitrag des „Iran-Krise“-Blog von Martin Ebbing, seit Februar 2004 Korrespondent in Teheran. Eingehend auf Fragen, warum er „eigentlich immer englischsprachige Quellen, selten aber deutsche Medien zitiere“, bzw.selten die Berichterstattung in den deutschen Medien kritisiere…:
„..die Zurückhaltung fällt nicht immer leicht. Mehr und mehr habe ich den Eindruck, dass die Berichterstattung über den Iran im allgemeinen wie über die Atomfrage im besonderen nicht nur ein verfälschtes Bild abgibt, sondern bewusst oder unbewusst eine Stimmung schafft, in der Eskalation und Konfrontation als einzige probate Antwort angesehen werden.
Meine Meinung basiert nicht auf einer breiten empirischen Auswertung der deutschen Medien, wozu mir Zeit und Möglichkeiten fehlen, sondern ist die Summe meiner Eindrücke meiner täglichen Lektüre im Internet.
Dies ist ein wichtiger Aspekt der Debatte um den Iran und ich denke darüber nach, ob ich nicht doch gelegentlich aus meiner Sicht (und in der Hoffnung, nicht besserwisserisch zu wirken) die eine oder andere kleine Anmerkung beisteuern sollte.
Was ich meine?
Beispielsweise eine Geschichte bei SpOn von gestern über die Gefangennahme der 15 Briten. Kein Autorenbeitrag, sondern wie oft bei SpOn offensichtlich aus verschiedenen Agenturen zusammengeschrieben – gleichwohl in einem Stil, der suggeriert, dass hier ein wohlinformierter Iran-Kenner am Werk ist.
So weiß beispielsweise dieser Mr. Unbekannt zu berichten:
Im Lager von Präsident Mahmud Ahmadinedschad verdichteten sich die Anzeichen, das Mullah-Regime könnte einen Prozess wegen Spionage gegen die britischen Soldaten anstrengen.
Mal von der Wortwahl „Mullah-Regime“ abgesehen, die nicht unbedingt den Eindruck unparteilicher Berichterstattung erweckt (Ahmadinejad, dem bei SpOn gern eine zentrale Rolle in der iranischen Politik eingeräumt wird, ist nicht einmal ein Mullah): woher haben die das?
Gibt es irgendeine Quelle im „Lager von Ahmadinejad“, auf die SpOn sich berufen kann?
Herrn Unbekannt ist offensichtlich entgangen, dass das Präsidentenamt im Iran mit der ganzen Angelegenheit überhaupt nicht befasst ist. Die Entscheidungen werden von Militärs und von Nationalen Sicherheitsrat des Landes getroffen, in dem der Präsident einen Vertreter stellt.
Britische und arabische Medien berichteten zudem, Hardliner in Iran betrachten die von den Revolutionären Garden im Persischen Golf festgenommenen und nach Teheran verbrachten Männer und Frauen als Faustpfand, um eine ganze Reihe von Forderungen gegenüber dem Westen durchzusetzen. So sollten mit den Gefangenen mehrere Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden freigepresst werden, die im Januar in der irakischen Stadt Erbil von US-Soldaten festgenommen worden waren. Radikale Gruppen in Iran forderten den Berichten zufolge zusätzlich, die Festgehaltenen erst freizulassen, wenn der Westen die gegen Iran verhängten Sanktionen aufhebt.
SpOn würde solche Meldungen aus britischen und arabischen Medien nicht erwähnen, wenn man sie nicht für glaubwürdig halten würde. Es sind aber nichts als Spekulationen, die sich inzwischen als falsch herausgestellt haben. Die iranische Seite hat erklärt, es gebe keinen Zusammenhang zu der Festnahme der fünf Iraner im Irak. Die Briten bestätigen, dass keine Forderungen nach einem Austausch gestellt wurden.
Rainer Hermann zitiert in der FAZ am letzten Sonntag die gleichen britischen und arabischen Meldungen:
Der Iran will die 15 festgenommenen britischen Soldaten offenbar gegen Iraner in amerikanischem Gewahrsam austauschen. Britische und arabische Medien berichteten übereinstimmend, Teheran wolle fünf Iraner und einen verschwundenen Geheimdienstler freibekommen, die im Januar in der irakischen Stadt Arbil von amerikanischen Soldaten festgenommen wurden.
Nun – s.o.
Die FAZ ersetzt die eigene Recherche noch mit der breiten Wiedergabe einer weiteren übernommenen Geschichte.
Die Entscheidung zu diesem Vorgehen fiel keineswegs spontan, als das britische Kriegsschiff sich iranischen Gewässern näherte, sondern bereits am 18. März.
An jenem Tag traf der Hohe Verteidigungsrats der Islamischen Republik zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Grundlage war ein Bericht, den General Ghassem Soleimani, der Kommandeur der Ghods-Brigade, verfasst hatte. Die Ghods-Brigade ist eine nach Jerusalem benannte Spezialeinheit der Revolutionsgarde (Pasdaran). Er untersuchte die Folgen von zwei Vorfällen, die den iranischen Streitkräften erhebliches Kopfzerbrechen bereiten.
Bei den beiden Vorfällen soll es zum einen um die Festnahme der fünf Iraner in Arbil im Januar dieses Jahres und zum zweiten um das Verschwinden von Ali Reza Askari, „der als einer der wichtigsten Geheimdienstler der Ghods-Brigade im Irak gilt und der an früheren Waffenverhandlungen Irans maßgeblich beteiligt war“ gehen.
Dies ist die gleiche Geschichte, die schon die Sunday Times mangels eigener Kenntnisse aus al Sharq al Awsat übernommen hat. Die Quelle der in London erscheinenden arabischen Zeitung: ein Ungenannter, der den Revolutionäre Garden nahe stehen soll. Möglichkeiten, solch eine Geschichte sorgfältig gegen zu recherchieren: keine. Der Mittlere Osten ist spätestens seit 1001 Nacht für seine begabten Geschichtenerzähler bekannt.
Hermann hält gleichwohl diese Darstellung eines Unbekannten aus zweiter Hand für solide genug, um daraus eigene Schlussfolgerungen abzuleiten:
Vor diesem Hintergrund klingt die Rhetorik Teherans der letzten Tagen wenig glaubwürdig und klingt reichlich naiv. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums Mohammad-Ali Hosseini prustete, es könne keine Rechtfertigung gegen, dass London keine Verantwortung für seine „feindliche britische Handlung“ übernehme. Er riet den Briten, ihren „Fehler“ einzugestehen anstatt weiter „irrelevante Deutungen“ für ihr Handeln zu liefern.
Zumindest versucht Hermann durch seine Wortwahl erst gar nicht eine sachliche Berichterstattung vorzutäuschen.
Daneben enthält sein Artikel eine Fülle von Fehlern und fragwürdigen Behauptungen:
Die Pasdaran sind zwar offiziell Teil der iranischen Streitkräfte …
Falsch. Sie sind eine Parallelorganisation, die direkt dem Revolutionsführer untersteht.
Am 7. Februar verschwand unmittelbar nach seiner Ankunft in Ankara Ali Reza Askari …
Nach allen Angaben verschwand er in Istanbul.
Zudem bilde die [Ghods-] Brigade, an deren Spitze einst der heutige Staatspräsident Ahmadineschad gestanden hatte, …
Wann soll das gewesen sein? Es gibt Behauptungen, er sei Mitglied dieser Brigade gewesen und während des Krieges gegen den Irak in der Gegend um Kirkuk gekämpft, für die aber keinerlei Belege existieren.
Ich denke, das reicht.
Um ehrlich zu sein, viel Spaß macht das nicht. Noch ein Grund, es nicht allzu oft zu tun.“
Quelle: mebb.de/iran-krise
Siehe auch: Verwenden Kriegberichterstatter Textbausteine? (@muslim-markt)
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